Englisch gesungen, deutsch erzählt: unsere Bearbeitung von „The Pirates of Penzance“
Wie bringt man eine englische Operette von 1879 auf eine deutsche Bühne, ohne ihren Witz in der Übersetzung zu verlieren? Bei Gilbert und Sullivan ist diese Frage besonders heikel. Denn ihre Komik steckt nicht nur in der Handlung. Sie entsteht aus Sprachrhythmus, Reim, gesellschaftlichen Anspielungen und einer Logik, die vollkommen vernünftig beginnt und zuverlässig im Absurden endet.

Eine singbare deutsche Übersetzung muss dabei fast zwangsläufig Kompromisse eingehen. Soll sie möglichst genau wiedergeben, was Gilbert geschrieben hat? Soll sie sich reimen? Soll sie natürlich klingen und zugleich auf Sullivans Musik passen? Und soll die Pointe noch immer genau an der Stelle zünden, an der die Musik sie erwartet?
Alles gleichzeitig gelingt nur selten.
Für unsere Fassung von The Pirates of Penzance haben wir uns deshalb für einen anderen Weg entschieden: Die Gesangsnummern erklingen im englischen Original, die Handlung aber wird auf Deutsch erzählt. Die gesprochenen Dialoge sind keine Übersetzung des englischen Librettos. Sie wurden weitgehend neu geschrieben, gekürzt und so miteinander verbunden, dass auch ein Publikum ohne Englischkenntnisse der Geschichte folgen kann.
„The Pirates of Penzance“: Nicht die Worte übersetzen, sondern die Komik
Dabei wollten wir Gilbert nicht durch einen heutigen Autor ersetzen. Entscheidend war vielmehr, seine besondere Art des Humors zu bewahren.
Gilberts Figuren leben in einer Welt, in der Pflichterfüllung wichtiger ist als Vernunft. Frederic versenkt aus Pflichtgefühl Schiffe, verlässt aus Pflichtgefühl die Piraten und schließt sich ihnen später – wiederum aus Pflichtgefühl – erneut an. Der Piratenkönig ist ein gefährlicher Verbrecher, der keine Waisen berauben kann. Der Generalmajor rettet seine Töchter durch eine Lüge und leidet anschließend weniger unter der möglichen Rache der Piraten als unter dem Gedanken an seine beschädigte Ehre. Und die Polizei betrachtet ihre Feigheit als eine bedauerliche, aber durchaus sachgerechte Reaktion auf die Gefahren ihres Berufes.
Diese komische Logik lässt sich übertragen, ohne Gilberts Formulierungen wörtlich nachzubauen. Wenn Frederic den Piraten erklärt, warum ihr Geschäft so schlecht läuft, sagt er in unserer Fassung:
„Ihr seid zu weich. Schwächere greift ihr nicht an, gegen Stärkere verliert ihr. Außerdem verschont ihr Waisen!“
Die Antwort der Piraten lautet, sie seien schließlich selbst Waisen. Frederic muss ihnen daraufhin mitteilen:
„Inzwischen gleicht die gesamte Handelsmarine einem schwimmenden Waisenhaus.“
Dieser Satz steht nicht im Original. Trotzdem könnte er aus Gilberts Welt stammen: Eine absurde Behauptung wird nicht zurückgewiesen, sondern mit vollkommener Ernsthaftigkeit zu Ende gedacht.
Der Erzähler als Teil dieser Welt
Durch die Kürzung der Gesangsnummern und die englischen Texte entstehen zwangsläufig Stellen, an denen Informationen fehlen könnten. Deshalb haben wir einen Erzähler eingeführt. Er liefert jedoch keine nüchterne Inhaltsangabe und erklärt dem Publikum auch nicht, wann es lachen soll. Er betrachtet das Geschehen mit derselben trockenen Folgerichtigkeit wie die Figuren.
Nachdem der Generalmajor die Piraten mit der erfundenen Behauptung gerührt hat, er sei Waise, fasst der Erzähler das Ergebnis zusammen:
„Der Generalmajor hatte seine Töchter gerettet, ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Dafür hatte er lediglich seine Eltern sterben lassen. Ganz formlos, aber mit der ganzen Autorität eines Generalmajors.“
Der Erzähler schließt Lücken, beschleunigt Übergänge und hält die Handlung zusammen. Vor allem aber gibt er der gesamten Fassung einen gemeinsamen Ton. Er steht nicht außerhalb der Operette – er gehorcht ihren Gesetzen.
Verständlich auch ohne Englischkenntnisse
Die wichtigste dramaturgische Aufgabe bestand darin, sämtliche Wendepunkte auch auf Deutsch erfahrbar zu machen. Das englische Schaltjahr-Ensemble mag nicht jeder Wort für Wort verstehen. Im anschließenden Dialog wird jedoch unmissverständlich klar, dass Frederic am 29. Februar geboren wurde und sein Lehrvertrag nicht mit seinem 21. Lebensjahr, sondern erst mit seinem 21. Geburtstag endet. Deshalb bleibt er bis 1940 Pirat.
Auch der überraschende Schluss wird unmittelbar aufgefangen. Ruth enthüllt auf Englisch, dass die Piraten in Wahrheit „noblemen who have gone wrong“ seien. Gleich darauf fragt der Generalmajor:
„Adlige?“
Ruth antwortet:
„Sämtliche.“
Mehr muss man nicht wissen. Augenblicklich werden aus gemeinen Piraten gesellschaftlich respektable Herren, die begnadigt werden und die Töchter des Generalmajors heiraten dürfen. Dass dieselben Männer wenige Augenblicke zuvor noch zum Tode verurteilt werden sollten, spielt nun keine Rolle mehr. Herkunft schlägt Recht – und die gesellschaftliche Ordnung ist wiederhergestellt.
Wer kein Englisch versteht, wird nicht jede Einzelheit der gesungenen Texte erfassen. Aber niemand muss die Handlung erraten. Die deutschen Dialoge bereiten die wesentlichen Ereignisse vor, nehmen sie anschließend wieder auf oder machen ihre Folgen sichtbar. Die Musik darf dabei ihren ursprünglichen Klang, ihr Tempo und ihren unverwechselbaren Sprachrhythmus behalten.
Ist das noch Gilbert und Sullivan?
Wir glauben: gerade deshalb.
Unsere Bearbeitung versucht nicht, eine historische Aufführung zu rekonstruieren. Sie will aber auch keine heutige Geschichte über das alte Stück stülpen. Bewahrt werden jene Kräfte, die The Pirates of Penzance bis heute lebendig machen: übersteigertes Pflichtgefühl, sentimentale Verbrecher, tapfere Feiglinge, gesellschaftliche Konventionen und die unerschütterliche Bereitschaft aller Beteiligten, jeden Unsinn anzuerkennen, sobald er nur amtlich genug formuliert wird.
So ist eine konzentrierte Fassung für unsere Figurentheaterbühne entstanden: englisch gesungen, deutsch erzählt und in ihrem Humor so britisch wie möglich.
Denn Gilbert und Sullivan brauchen keine ehrfürchtige Konservierung. Sie brauchen Tempo, Präzision – und die Freiheit, ihre Absurdität auch heute wieder vollkommen ernst zu nehmen.



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