Eine Reise in Nemos Welt – 20.000 Meilen unter dem Meer als Musiktheater
- vor 5 Tagen
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Wie Literatur, Bild und Musik im Multum in Parvo zu einer besonderen Bühnenerfahrung verschmelzen

Als Professor Aronnax in Jules Vernes Roman 20.000 Meilen unter dem Meer den Salon der Nautilus betritt, entdeckt er zwischen wissenschaftlichen Instrumenten ein Orgelklavier und die Partituren der großen Komponisten seiner Zeit. Diese kurze Szene erzählt viel über Kapitän Nemo. Er ist nicht nur Ingenieur, Wissenschaftler und Erfinder. Er ist auch ein Mensch, für den Kunst und Musik unverzichtbar sind.
Beim erneuten Lesen des Romans fiel mir diese Stelle besonders auf. Jules Verne erwähnt die Musik nicht beiläufig. Er nutzt sie, um Nemo als Persönlichkeit zu beschreiben. Daraus entstand eine Frage, die schließlich zum Ausgangspunkt unserer neuen Produktion wurde:
Wenn Musik ein so wichtiger Teil von Nemos Wesen ist – kann Musik dann nicht auch seine Geschichte erzählen?
Der Weg zu 20.000 Meilen unter dem Meer verlief allerdings nicht geradlinig.
Am Anfang stand die Idee, aus Jules Vernes Stoff ein Pasticcio zu entwickeln. Schließlich verstehen wir uns als Opernhaus. Die Verbindung aus einer neuen Geschichte und bereits existierender Opernmusik lag nahe. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger überzeugend erschien mir dieser Ansatz. Die Musik hätte letztlich einzelne Szenen begleitet, aber sie wäre nicht wirklich Teil der Erzählung geworden.
Auch der Gedanke, die Musik aufzugreifen, die Nemo laut Jules Verne selbst auf der Nautilus besitzt, führte noch nicht zur endgültigen Lösung. Interessant war die Vorstellung zwar, doch erst nach und nach entwickelte sich die Idee, die Musik nicht als historisches Detail, sondern als Ausdruck von Nemos innerer Welt zu begreifen.
Wie so oft bei meiner Arbeit begann die eigentliche Entwicklung mit einer intensiven Recherche. Ich lese, sammle Material, ordne Gedanken und lasse die verschiedenen Eindrücke auf mich wirken. Erst allmählich entstehen daraus Bilder, Szenen und die musikalischen Verbindungen.
Bei dieser Inszenierung stand eines der ersten Bilder sehr früh fest: Nemo am Friedhof seiner Gefährten am geographischen Südpol. Ein einsamer Mann, der am Ende eines langen Weges angekommen ist. Dazu passte Schuberts „Leiermann“ aus der Winterreise fast wie von selbst. Diese Musik trägt dieselbe Stimmung in sich: Einsamkeit, Erinnerung und Abschied.
Von diesem ersten Bild aus entwickelte sich die Geschichte.
Die Musik wurde nicht nach einer bereits fertigen Liste ausgewählt. Entscheidend war immer die Szene selbst: Was erzählt dieser Moment? Was empfindet Nemo? Welche Musik kann diese Empfindung ausdrücken?
So entstand eine musikalische Reise durch unterschiedliche Welten. Wagner, dessen Werke Jules Verne selbst auf der Nautilus erwähnt, passt mit seiner Musik, die scheinbar aus einer anderen Welt zu kommen scheint, besonders gut zu Nemo. Parsifal begleitet die geheimnisvolle Welt von Atlantis. Faurés In Paradisum bildet am Ende keinen düsteren Abschluss, sondern einen hoffnungsvollen Blick auf eine lange Reise.
Auch die Begegnung mit dem Wrack der Bonhomme Richard entstand erst durch die Recherche. Jules Verne erwähnt die Vengeur du Peuple, doch die Bonhomme Richard passte viel stärker zu dem Freiheitsgedanken, der für Nemo eine zentrale Bedeutung besitzt. Als schließlich Bellinis „Guerra, guerra!“ aus Norma mit dieser Szene verbunden wurde, entstand ein Bild, das die Idee der gesamten Inszenierung zusammenfasst: Vor den Augen der Zuschauer richtet sich das gesunkene Schiff wieder auf. Masten wachsen empor, Segel entfalten sich, Kanonen eröffnen das Feuer.
Nicht die Musik begleitet die Bilder. Bild und Musik erzählen gemeinsam denselben Augenblick.
Genau darin liegt die besondere Form dieser Produktion. Ein Erzähler führt durch die Handlung. Die Filmsequenzen sind nicht bloß Bühnenhintergrund, sondern eine eigene Erzählebene. Sie erweitern den Bühnenraum über seine physischen Grenzen hinaus und lassen Orte entstehen, die auf der kleinen Bühne des Multum in Parvo sonst nicht sichtbar wären: die Weite des Ozeans, die Räume der Nautilus, versunkene Welten und Erinnerungen.
Die Bühne selbst bleibt dabei bewusst reduziert. Meist ist nur eine einzige Figur zu sehen: Nemo. Gerade diese Konzentration verstärkt den Gegensatz zwischen dem einsamen Menschen und den gewaltigen Welten, die sich hinter ihm öffnen. Der Zuschauer betrachtet nicht einfach einen Film mit einer Figur davor – er wird eingeladen, gemeinsam mit Nemo an Bord der Nautilus zu reisen.
Der Erzähler erzählt, was geschieht. Die Bilder zeigen, was Worte nicht zeigen können. Und die Musik lässt fühlen, was in den Figuren vorgeht.
Erst wenn diese drei Ebenen zusammenkommen, entsteht eine Welt, in die man eintauchen kann.
Vielleicht beschreibt genau das den Anspruch des Multum in Parvo am besten: Nicht Größe nachzuahmen, sondern auf kleinstem Raum Welten zu erschaffen, in denen für einen Augenblick der Alltag verschwindet.
Wir laden Sie ein, diese Reise in Nemos Welt selbst anzutreten.



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