top of page

Heute kurbeln wir digital (Teil 1): Ein Blick zurück auf die Moving Panoramas

Aktualisiert: 13. Nov.

Was unsere Opernabende antreibt, ist dieselbe Sehnsucht, die schon die Bühnenerfinder des 19. Jahrhunderts umtrieb: Bilder zum Singen zu bringen und Räume in Bewegung zu setzen. Wo wir heute mit Rückprojektionen, animierten Hintergründen und einem Lichtdesign zwischen Historie und Hollywood arbeiten, rollten damals bemalte Stoffbahnen zwischen zwei Walzen hinter einer Bühnenöffnung vorbei – die Moving Panoramas. Sie waren das reisefähige Kino vor dem Kino: mit Erzählung, Musik, Effekten – und der Illusion, dass die Welt am Publikum vorbeizieht. Unsere Medienserver sind im Grunde die digitale Kurbel, unsere Überblendungen und Kamerafahrten im Bild knüpfen an ihr Vokabular an.

Darum lohnt der Blick zurück: Der folgende Beitrag zeigt, wie die Moving Panoramas die Grammatik der bewegten Bilder erfanden – von der Fahrt über die Überblendung bis zur atmosphärischen Lichtdramaturgie – und warum ihre Mechanik noch heute in unseren Opern mitschwingt.

Ausschnitt aus der Hintergrundprojektion unserer Trovatore-Inszenierung.

Bevor Kameras ratterten und Projektoren flimmerten, saß das Publikum im 19. Jahrhundert in Theatern, Gemeindesälen und Markthallen – und sah ganze Flüsse, Städte oder Weltreisen vorbeiziehen: ein einziges, extrem langes Gemälde, das zwischen zwei Walzen hinter einer Bühnenöffnung hindurchgekurbelt wurde, begleitet von Vortrag, Musik und Effekten.

Die Technik war simpel und wirkungsvoll: zwei Spulen, eine bemalte Stoffbahn (meist Musselin mit Leimfarbe), ein „Bildfenster“ im Proszenium, davor Requisiten wie Schiffsreling oder Kutsche – und dahinter die endlose Reise. Gekurbelt wurde dramaturgisch: schneller für Stromschnellen, langsamer für Stadtansichten. Das Licht kam vom Gas oder – noch heller – vom Limelight, einem frühen, fokussierbaren Bühnenspot. Schon der zeitgenössische Trick der „Dissolving Views“ (zwei überlagerte Laternenbilder blenden Tag in Nacht) verrät, wie sehr diese Shows die spätere Filmsprache mitprägten.


Aufriss eines Moving Panoramas

Ab den 1830er/40er Jahren wurden Moving Panoramas in Großbritannien, den USA und Australien zum Massenvergnügen. Themen waren Reise- und Expeditionsberichte, Großstädte, Kriege – und immer wieder Wasserwege.

Zu den am besten erforschten Werken zählt das „Grand Panorama of a Whaling Voyage ’Round the World“ (1848) – rund 1 275 ft (≈ 389 m) lang und heute beim New Bedford Whaling Museum bewahrt. 2017 wurde es umfassend konserviert; 2025/26 ist es als „A Spectacle in Motion“ im Minnesota Marine Art Museum zu sehen. (Whaling Museum)

Ebenfalls spektakulär ist das „Moving Panorama of Pilgrim’s Progress“ (1851) – etwa 8 ft × 800 ft (≈ 2,4 m × 244 m) –, das nach der Wiederentdeckung vollständig restauriert wurde.


Einige Punkte, die das Kino geerbt hat:


1. Die Bewegung im Bild. Das Quer Scrollen des Gemäldes erzeugt eine Fahrt – im Effekt verwandt mit Tracking Shot oder Pan; das Publikum „reist“, obwohl es sitzt.

2. Der Schnitt als Überblendung. Mit Dissolving Views lernt das 19. Jh. die sanfte Überblendung – eine Filmsprache, die später selbstverständlich wird.

3. Spotlight und Atmosphäre. Limelight und Gaslicht als steuerbare Helligkeitsinseln – die Geburtsstunde des dramaturgischen Lichtdesigns auf einer „Leinwand“.

4. Voice over und Score. Ein Sprecher erzählte live, Musik und Geräusche trugen Stimmung und Tempo – genau jene Trias aus Bild, Ton und Kommentar, die das Kino bis heute prägt.

5. Serialität & Re Use. Panoramen ließen sich aktualisieren (neue Szenen), „neu schneiden“ oder auf Tour neu rahmen – Produktionslogik und Verwertungsketten, die dem späteren Filmgeschäft verblüffend ähnlich sehen.

Mit dem Aufstieg der Fotografie und des Kinos um 1895 verlor das Format an Zugkraft; viele Bildbahnen wurden beschädigt, zerlegt oder gingen verloren.

Warum sich die Moving Panoramas heute wieder lohnen, und wie und warum wir diese Technik aktualisiert haben, erzählen wir dann in Teil 2.

Kommentare


Empfohlene Einträge
Aktuelle Einträge
Archiv
Schlagwörter
Folgen Sie uns!
  • Facebook Basic Square
  • Twitter Basic Square
  • Google+ Basic Square
bottom of page