Inszenatorische Herausforderungen bei Hänsel & Gretel

Die Kinderoper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck auf die Papiertheater-Bühne zu bringen, ist immer eine besondere Herausforderung. Das Original-Libretto von Adelheid Wette, der Schwester Humperdincks, ist handlungsarm, spielt nur an drei verschiedenen Schauplätzen und konzentriert sich dabei auf wenige Figuren. Für eine spannende Aufführung bräuchte man also richtig gute Darsteller, die diese Geschichte durch ihr Spiel zum Leben erwecken. Flachfiguren sind in ihren Ausdrucksmöglichkeiten stark beschränkt: Sie lassen sich vor- und zurückschieben und um die eigene Achse drehen. Kopf und Arme lassen sich nur über kleine Achsen nach oben oder unten bewegen. Bei unseren Inszenierungen liegt der Fokus daher nicht primär auf dem Figurenspiel, sondern auf den Bühnenbildern, der Lichtgestaltung und den in die Inszenierung integrierten Videos: Die räumliche, sinnliche Erfahrung des auf der Bühne zu Sehenden soll den Betrachter in das Geschehen hineinziehen und seine Phantasie anwerfen. Erst dadurch entsteht die Voraussetzung, dass die Pappfigur im Kopf des Zuschauers zu leben beginnt. Mit kahlen Räumen kann dies natürlich nicht funktionieren. Die zahlreichen Details in den Kulissen liefern einen zusätzlichen visuellen Input, der die Zuschauer in die Phantasiewelt mit hineinnimmt. Die computergesteuerte Lichtanlage mit einer fast unüberschaubaren Menge an Scheinwerfern, ist dabei nicht Mittel zum Zweck, sondern unterstützt dieses Konzept, um dem Zuschauer die Oper noch erlebbarer zu machen. Wir verwenden bei unseren Inszenierungen nie nur Mittel des Theaters, sondern greifen auch immer auf filmische Tricks zurück. Der Entwurf der Kulissen ist bei uns immer mit einem sehr hohen Zeitaufwand verbunden. Ein Bezug zum 19. Jahrhundert ist uns hierbei besonders wichtig. Dieses Zeitalter ist für uns eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Selbstverständlich wollen aber auch wir nicht ins 19. Jahrhundert zurückkehren und dort verharren. Aus unserer Beschäftigung mit dieser Zeit entsteht immer etwas Neues, das seine Herkunft allerdings auch nicht verleugnen möchte. Der Einsatz moderner Technik erlaubt uns immer wieder neue Wege zu beschreiten. So verschmelzen bei uns sehr häufig das Spiel mit den Flachfiguren mit Hintergrund- und Vordergrundanimationen. Bereits zur Ouvertüre der Humperdinck-Oper laufen Hirsche, Rehe und Gnome in der Abenddämmerung über die Bühne. Auf dem Monitor im Hintergrund geht der Mond auf, parallel dazu ändert sich auch das Licht auf den Kulissen von Abenddämmerung auf Nacht. Eine Art von digitalem Schleiernessel-Vorhang lässt schließlich die Berge verschwinden und führt zu einem einfachen Haus, während unterdessen die Sonne wieder aufgeht. Vater und Mutter verlassen das Haus, Hänsel und Gretel kehren zurück. Diese Szene leitet nahtlos zum Anfang der Oper in der Stube der Familie über. Ausgangspunkt für die Inszenierung war eine massive visuelle Erweiterung des Librettos. Um auf der Bühne für Abwechslung zu sorgen, kam dabei auch mehrmals eine alte Bühnentechnik zum Einsatz, die in Filmstudios verfeinert wurde: Die Wandelkulisse. Anfangs, auf unserer kleinen Bühne, verwendeten wir für die Arie des Vaters „Ralalala, Hunger ist der beste Koch“ eine Wandelkulisse, die wir von Hand auf- und abrollten. Das Prinzip ist umgekehrt zur üblichen Figurenführung: Die Kulisse bewegt sich, und die Figuren bleiben stehen. So hat der Zuschauer den Eindruck, dass die Figuren vor dem Hintergrund laufen. Vor einigen Wochen wurden die alten digitalen Wandelkulissen durch neue ersetzt. Hierbei kam eine Technik zum Einsatz, die wir erstmals für unsere Inszenierung von Mozarts Entführung aus dem Serail verwendet haben: Ein virtuelles Bühnenbild wird mit einer Kamerafahrt aufgenommen. Wie im Kino entsteht die Tiefenwirkung des Bildes auch durch die unterschiedliche Geschwindigkeit, in der sich Vorder- und Hintergrund in Bezug zueinander bewegen.



Höchste Konzentration beim Spiel verlangt der Hexenritt ab, wo die Hexe erst sieben Mal auf dem Monitor hin und her fliegt, um dann langsam als Figur auf der Bühne zu erscheinen. Hier ist exaktes Timing gefragt. Nur so wirkt diese Verschmelzung von digitaler und realer Figur für das Publikum glaubhaft. Gelingt dieser Übergang, so wird sich der ganze Bühnenraum in der Phantasie des Betrachters weiten und ihn so noch mehr ins Geschehen mit hineinnehmen. Beim Auftritt der 14 Engel auf der Engelstreppe ist ein sehr langer musikalischer Abschnitt ohne Gesang zu bebildern. So tauchen in unserer Inszenierung die Engel aus den Umrissen einer lichtdurchfluteten Kathedrale im Bildhintergrund auf und bewegen sich langsam auf den Zuschauer zu, bis alle 14 Engel zu sehen sind. Auch Sandmännchen und Taumännchen, die kurz davor ihren Auftritt haben, sind als animierte Figuren zu sehen. Erst als Hänsel und Gretel aus dem Schlaf erwacht sind, betritt das Geschwisterpaar wieder als reales Figurenpaar die Bühne. Das große Finale am Ende gipfelt in einem auf spektakuläre Weise entflammten Hexenhaus. Der Effekt der virtuellen Flammen wird durch den Einsatz von Nebelmaschinen noch verstärkt. Beim Schlussbild, wenn die Lebkuchenkinder wieder zum Leben erweckt werden, stehen diese dann gemeinsam mit Hänsel und Gretel, Vater und Mutter als reale Figuren auf der Bühne. Unser Anspruch ist es, unsere Gäste aus dem grauen Alltag zu reißen und sie mit etwas Schönem zu erfreuen. Und wenn sie dann am Ende der Aufführung davon überzeugt sind, dass sich die Münder der Figuren aus Papier und deren virtuelle Alter Egos beim Singen bewegt hätten, wissen wir, dass sich all die Arbeit wirklich gelohnt hat.

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